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Eintrge der Kategorie Literatur

2017

Diese Welt hat derart an Vulgarität zugenommen, daß die Verachtung des geistigen Menschen die Gewalt einer Leidenschaft gewinnt … Aber ich beging die Unvorsichtigkeit, heute morgen einige öffentliche Blätter zu lesen; plötzlich überfiel mich eine Trägheit, die mit zwanzig Atmosphären auf mir lastete, und ich stocke angesichts der gräßlichen Aussichtslosigkeit, irgendwem irgendwas zu erklären. Baudelaires

norden/celine/kränzlin (Zornhof) 2017

Schloß: Hermann von Leiden (Untergeschoß), Maria-Theresia v. Leiden (Turm Rechts) (von Leiden vielleicht in Realität von Fratz?), Celine, Lili, Bébert (Turm Links), Le Vigan, (im Keller)

Gegenüber: Krüppel von Leiden und der ihn tragende Russe, Inge von Leiden plus die Bucklige, deren Vater Bébert die Fische aus der Spree besorgt.

Dahinter: Rechts: Schweineställe mit den französischen Knechten. Links: Haus der Bibelforscher

Download von mehr Bildern hier.

Hochschule

Was mir jedoch wirklich zuwider war und mich schliesslich veranlasste, am Ende des Semesters mitten in der Nacht aus der Stadt zu fliehen, ohne mich verabschiedet, ja, ohne meine Zensuren abgegeben zu haben, war die Tatsache, das es dort mit Ausnahme Selmas nur eingefleischte Gegner – und Gegnerinnen – des Unerklärlichen gab, alle erfahren in der Kunst des Erklärens, Erläuterns und Zerlegens, und dadurch Förderer der Beständigkeit. Für mich führte das zu schlimmer Hoffnungslosigkeit, und am Ende konnte ich ihre grinsenden, hoffnungsfrohen Lehrergesichter nicht mehr ausstehen. Lehrer, glauben Sie mir, sind geborene Schwindler der gemeinsten Sorte, denn das, was sie vom Leben wollen, ist unmöglich – zeitlose, existenzielle ewige Jugend. Es verpflichtet sie zu schrecklichen Irreführungen und Abweichungen von der Wahrheit. Und die Literatur, da sie nun mal von Dauer ist, dient ihnen als Vehikel.

Richard Ford „Der Sportreporter“.

Synchronisation

„Ich glaube, ich bin ein Verb statt eines Personalpronomens“
Richard Ford aus „Der Sportreporter“

Sehr schön! Es ist vielleicht die Erkenntnis, das man nicht ist, sondern nur tut.
Diese Vorstellung von einer Möglichkeit erleichtert.

Telefonzellen 1984

Westendstraßen. Vorgärten, hohe Bäume. In der Dämmerung mich von innen in der Telefonzelle spiegeln. Erst angespannt, wartend, den Hörer am Ohr. Und mir dann zusehen, wie ich besessen in den Hörer hineinrede. Durch den Draht, durch die Luft, direkt in die fremden Köpfe hinein. (Kurzeck)

Ein Kurzeck

Sich totsaufen, ja das dauert, das braucht Zeit! (Frei nach Kurzeck)

?

Das bin doch ich, der hier sitzt?

Hauszittern

Die nächste Gasrechnung nicht vor Mitte Januar. Also wenigstens vorerst, sagst du dir, einstweilen weiterhin auf der Welt bleiben! Und bis auf weiteres daran glauben, daß man alles tun kann, was man sich vorgenommen, vergiß das nicht! Und alles, was man nur je sich erträumt, eine schwere Arbeit. Jeden Tag wieder von vorn. Und dazu noch zahlreich die Überraschungen. … Hat das Haus schon gezittert? Ganz müd vor lauter Müdigkeit. Peter Kurzeck

Idiot I

Das Unglück, nicht anders als durch Überlegung und Anstrengung zum neutralen Zustand fähig zu sein. Was ein Idiot ohne weiteres fertig bringt, dazu muss man sich Tag und Nacht strapazieren, um es nur momentweise zu erreichen. Cioran

„Es gibt fast nur Mißstände“, sagt er, „aber man kann sie nicht abschaffen. Die Opposition, die allgemeine Opposition, eine Kennzeichen der Jugend, läßt nach. Die Kräfte verringern sich. Alles konzentriert sich darauf, die Zeit, die man hat, hinter sich zu bringen. Das hat nichts mit Intelligenzgraden zu tun. Im allgemeinen werden die Leute auf niedriger Stufe leichter mit der Umwelt fertig als andere. Nach und nach merkt man: die Welt und die Umwelt sind Mißstände, katastrophale Mißverhältnisse. Im großen und ganzen sind Dummköpfe, die so etwas nicht sehen, selten. Die Mitmenschen? Berufsbezeichnungen, sonst nichts.

Aus Frost von Thomas Bernhard.

Okay, was soll’s, bück dich halt ….

„Meine Tapete und ich fechten gerade ein Duell auf Leben und Tod aus. Einer von uns muss verschwinden“
sz

Heiliger Bimbam

… Vom Dach des R.C. bietet sich uns ein Schauspiel, das an Grausamkeit nicht mehr zu übertreffen ist. In den Cafés drängen sich Totalschäden mit knurrendem Magen um die Tische, und lange Speichelfäden hängen ihnen vom Kinn herunter; andere ejakulieren, sobald sie eine Frau sehen. Latahs imitieren mit affenähnlicher Obszönität die Bewegungen der Passanten. Junkies haben die Drugstores geplündert und fixen sich an jeder Straßenecke … Katatoniker schmücken die Parks mit Girlanden aus …. Hochgradig erregte Schizophrene rennen durch die Straßen und stoßen abgerissene zerquälte Schreie aus. Einige Partiell Rekonditionierte umringen eine homosexuelle Touristengruppe und setzen ein schauerliches wissenden Lächeln auf, hinter dem der nordische Schädel wie eine Doppelbelichtung aussieht.

Was wollen Sie von uns? fragt eine der Tunten pikiert.
Wir wollen euch verstehen …

Ein ganzes Kontinent jaulende Simopathen schwingt sich von Kronleuchtern und Balkonen und scheisst und pisst auf die Passanten herunter. (Ein Simopath – der medizinische Fachausdruck für diese Abnormität ist mir im Moment nicht geläufig – ist ein Zeitgenosse, der überzeugt ist, er sei ein Affe oder affenähnliches Wesen. Es handelt sich hier um eine Verhaltensstörung, die besonders in der Armee auftritt, durch Entlassung aber leicht zu beheben ist.) Amokläufer mit einem entrücktem träumerischen Lächeln im Gesicht machen die Runde und säbeln Köpfe ab … Bürger mit beginnender Bang-utot versuchen verzweifelt ihre Erektion zu bändigen und rufen die Touristen um Hilfe … Wildgewordene Araber werfen sich mit Gebrüll und Gejohle auf die Leute, kastrieren sie, schlitzen ihnen den Bauch auf, übergießen sie mit Benzin und zünden sie an … Nachtklubtänzer im Knabenalter behängen sich mit Eingeweiden und machen damit Striptease, Frauen stecken sich abgehackte Penisse in die Möse und rücken breitbeinig und mit dem Unterleib stoßend dem Mann ihrer Wahl auf den Leib … religiöse Fanatiker kreisen in Hubschraubern über dem Volk, halten ihm Strafpredigten und bombardieren es mit Steintafeln, in die sinnlose Sprüche eingemeißelt sind …

Nacked Lunch / William S. Burroughs

„Kunst ist die edelste Form der Arbeitslosigkeit.“
Thomas Kapielski

Hauptsache es knallt

„Die Drogenszene. Ein Vorpostengefecht mit enormen Verlusten; hier fehlt ein Clausewitz.“ Ernst Jünger

der Freitag, Ernst Jünger und die Drogen

»Man findet Herculaneum unter der Asche wieder; aber einige Jahre verschütten die Sitten einer Gesellschaft besser als aller Staub der Vulkane«.
Franz Hessel

„Le bonheur se raconte mal.“
H-P. Roché

Parallelgeschichten

 Das Spiel begann erst jetzt richtig, oder vielleicht war es gar kein Spiel.
Vielleicht wollte er der Frau etwas beweisen. Oder mir. Er brüllte. Nicht aus voller Kehle, das kann man nicht sagen, eher aus der Tiefe seines Brustkastens. Als sänge er den einsamen Sang der Selbstvergewisserung. Mal steigerte er die Geschwindigkeit, mal drosselte er sie genauso plötzlich, es warf uns vor und zurück. Er ließ das Steuer lange los, dann wieder stemmte er beide Arme dagegen und riss es hin und her, ließ den Wagen zwischen den Gehsteigen tanzen. Es war nicht vorauszusehen, wie viel das alte Gerät, vielleicht ein Adler, noch vertragen würde. Die ganze Zeit drückte er rhythmisch auf die Hupe. Ich wusste nicht, wollte er mit diesem Amoklauf seine Frau auf die Probe stellen, war es eine mir zugedachte Demonstration oder rächte er sich an den hinter uns zurückgelassenen und sicher verblüfften Polizisten für das ewige Gefühl der Bedrohung; zeigte er ihnen ganz einfach den Finger.
In jenen Jahren tat man so etwas nicht.
Es war sonst schon gefährlich genug.

Leseprobe zu Peter Nadas: Parallelgeschichten, perlentaucher.de

Alte Meister ll

Sie lügt, habe ich gedacht, wie die Haushälterin mich darauf aufmerksam gemacht hat, daß ihr meine Frau verschiedene Gegenstände versprochen habe, die Begräbnisbesucher waren noch gar nicht aus dem Friedhof gegangen, ist die Haushälterin schon vor mir gestanden und hat gesagt, meine Frau habe ihr das und das versprochen. Wir nehmen die Menschen immer wieder in Schutz, weil wir nicht glauben können und gar nicht glauben wollen, daß sie so gemein sein können, bis wir immer wieder die Erfahrung machen, daß sie ebenso gemein sind, wie wir es gar nicht für möglich halten. Mehrere Male hat die Haushälterin, ich bin noch am offenen Grab gestanden, das Wort Bratpfanne gesagt, so Reger, stellen sie sich vor, immer wieder das Wort Bratpfanne, während ich noch am offenen Grab gestanden bin. … Dieses Erlebnis mit der Haushälterin hat mich tatsächlich wieder gelehrt, wie abgrundtief scheußlich der Mensch sein kann, so Reger. Die sogenannten unteren Klassen sind, das ist doch die Wahrheit, genauso gemein und niederträchtig und verlogen, wie die oberen. Das ist ja eines der abstoßendsten Kennzeichen dieser Zeit, daß immer behauptet wird, die sogenannten einfachen und die sogenannten unterdrückten Menschen seien gut, die anderen schlecht, das ist eine der widerlichsten Verlogenheiten, die mir bekannt ist, so Reger. … Diese Leute nützen jede Situation aus und schrecken vor nichts zurück, so dumm diese Leute sind, sie machen alles, selbst das Widerwärtigste, zu ihrem Vorteil. Und wir fallen immer wieder auf diese Leute herein, weil sie uns in den alltäglichen Widerwärtigkeiten naturgemäß überlegen sind, so Reger.

T. Bernhard, Alte Meister

über die Psychologie der Zeit

„Wie es eine Geometrie im Raum gibt, so gibt es auch eine Psychologie in der Zeit, in der die Berechnungen einer Oberflächenpsychologie nicht mehr stimmen würden, weil man darin die Zeit und eine der Formen, die sie annimmt, nämlich das Vergessen, nicht genügend berücksichtigt hätte – das Vergessen, dessen Macht ich zu spüren begann und das ein so gewaltiges Werkzeug der Anpassung an die Wirklichkeit ist, weil es allmählich in uns die überlebende Vergangenheit zerstört, die zu jener in beständigem Widerspruch steht.“
M. Proust, Die Entflohene

Alte Meister I

Lesen Sie, was Sie lieben, aber dringen Sie nicht total ein, hören Sie, was Sie lieben, aber hören Sie es nicht total, schauen Sie, was Sie lieben, aber schauen Sie es nicht total an. Weil ich immer alles total angeschaut haben, immer alles total gehört habe, immer alles total gelesen habe oder wenigstens immer den Versuch gemacht habe, alles total zu hören und zu lesen und anzuschauen, habe ich mir schließlich und endlich alles vergraust, ich habe mir dadurch die ganze Bildende Kunst und die ganze Musik und die ganze Literatur vergraust.

T. Bernhard, Alte Meister

„Aber was man Erfahrung nennt, ist nur die in unseren Augen zuteil werdende Offenbarung eines unserer Charakterzüge, der ganz natürlich wiedererscheint, und zwar umso nachdrücklicher, als wir ihn schon einmal vor uns selbst ans Licht gezogen haben, so daß die spontane Regung, die uns das erste Mal geleitet hatte, durch alle Suggestionen der Erinnerung auch noch etwas wie eine Bestärkung erfährt. Das menschliche Plagiat, dem man am schwersten entgeht, ist für die Individuen (und sogar für die Völker, die in ihren Fehlern verharren und sie noch zunehmen lassen) immer das Plagiat ihrer selbst.“

Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Teil 6

the collected jokes of slavoj zizek

http://www.audunmortensen.com/projects/the-collected-jokes-of-slavoj-zizek/, via

„Die Bilder, welche die Erinnerung auswählt, sind ebenso willkürlich, ebenso enggefaßt, ebenso ungreifbar wie die, welche die Einbildungskraft gestattet und die Wirklichkeit dann zerschlagen hat. Es besteht kein Grund, weshalb ein wirklicher Ort außerhalb von uns mehr Bilder der Erinnerung als des Traums in sich enthalten soll.“

Marcel Proust, Sodom und Gomorra

Bühnenbild des Lebens

Von Laugier ausgehend, lassen sich Linien ziehen, weniger im ideologischen Sinn als vielmehr unter dem Aspekt der Einmischung, Linien zu L’Enfant, der den großen Plan für Washington entwarf, zu Le Corbusier, Taut, Hilberseimer, Wijdeveld. So sehr sie sich auch in mancherlei Hinsicht unterscheiden, eines haben sie offensichtlich gemein: Sie mischen sich ein. Es geht nicht mehr um die Architektur dieses einen prachtvollen oder nicht prachtvollen Gebäudes, sondern um den Architekten/Künstler, der in das Schicksal ganzer Massen eingreift. Der Architekt als Philosoph der Gesellschaft, der gleichzeitig – wenn seine Vorstellungen Wirklichkeit werden – die Macht erhält, zu bestimmen, wie, und manchmal auch wo, viele Tausende leben werden. Die Macht eines Menschen, der – an der Hand oder unter dem Schirm einer Regierung, eines Senats, eines Bürgermeisters oder auch frei – eine Stadt verändern, erweitern oder sogar neu erbauen darf, ist faszinierend und erschreckend zugleich. Damit liefert sich eine Gesellschaft regelrecht aus. Politiker, die man einmal gewählt hat, kann man später, bei erwiesener Untauglichkeit, zum Teufel jagen, in den Straßen, Zentren, Parks, Häusern, Wohntürmen dagegen, die die Baumeister entworfen haben, wird man auch in Zukunft umhergehen, schauen, wohnen, essen, lieben, schlafen. Das Bühnenbild des Lebens steht, und es ist unveränderlich. Zwischen diesen Kulissen und Versatzstücken, in diesem von einem anderen bestimmten Raum, wird sich das Leben abspielen.

Cees Nooteboom, Die Sohlen der Erinnerung

Schreiben als Ersatzhandlung ll

… ist ja auch eine art geschlechtsverkehr, ein buch schreiben …

„Ja, das Leben ist grauenhaft. Wir müssen uns wieder öfter sehen, ma chère amie. Was den Umgang mit Ihnen so angenehm macht, ist, daß Sie nie lustig sind. Wir sollten mal wieder einen Abend zusammen sein.“
Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Aus dem Exil (5)

Mitten in der Welt der heiteren Geisteskrankheit kommuniziert der moderne Mensch nicht mehr mit dem Irren. Auf der einen Seite gibt es den Vernunftmenschen, der den Arzt zum Wahnsinn deligiert und dadurch nur eine Beziehung vermittels der abstrakten Universalität der Krankheit zuläßt. Auf der anderen Seite gibt es den wahnsinnigen Menschen, der mit dem anderen nur durch die Vermittlung einer ebenso abstrakten Vernunft kommuniziert, die Ordnung, physischer und moralischer Zwang, anonymer Druck der Gruppe, Konformitätsforderung ist. Es gibt keine gemeinsame Sprache, vielmehr es gibt sie nicht mehr. Die Konstituierung des Wahnsinns als Geisteskrankheit am Ende des achtzehnten Jahrhunderts trifft die Feststellung eines abgebrochenen Dialogs, gibt die Trennung als bereits vollzogen aus und läßt all die unvollkommenen Worte ohne feste Syntax, die ein wenig an Gestammel erinnerten und in denen sich der Austausch zwischen Wahnsinn und Vernunft vollzog, im Vergessen versinken.

Die Sprache der Psychiatrie, die ein Monolog der Vernunft über den Wahnsinn ist, hat sich nur auf einem solchen Schweigen errichten können.

Wahnsinn und Gesellschaft, Michel Foucault

Aus dem Exil (4)

„We discussed everything we knew, during the first fifteen or twenty minutes that morning, and then branched out into the glad, free, boundless realm of the things we were not certain about.“

Mark Twain, A Tramp Abroad

Aus dem Exil (2)

Das Gesetz von Angebot und Nachfrage hatte ihm selbst vor einem knappen Monat plötzlichen Reichtum beschert, der ihn wie ein Funkenregen eingehüllt und vom finanziellen Joch befreit hatte, und auf einmal wurde ihm klar, dass er diese Welt nun verlassen würde, in der er sich nie wirklich zu Hause gefühlt hatte. Seine an sich schon nicht mehr zahlreichen menschlichen Beziehungen würden eine nach der anderen einschlafen, abbrechen, und dann würde sich für ihn das Leben so ähnlich gestalten wie hier in dieser perfekt verarbeiteten Fahrgastzelle seines Audi Allroad A6: friedlich, freudlos und endgültig neutral.

Karte und Gebiet, Michel Houllebecq


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