Die Festivalisierung des Auszugs

„Fremd bin ich eingezogen“ lautete der Titel des letzten Ausstellungsprojekts, das René Block als Leiter der Kunsthalle Fridericianum für Kassels auch außerhalb der documenta funktionierende Adresse der zeitgenössischen Kunst kuratierte. Für seine am Totensonntag endende Schau entlieh der Kurator Schuberts Winterreise eine Zeile und lud damit nicht nur den Betrachter zum spielerischen Interpretieren der aus der Feder von Wilhelm Müller stammenden Phrase ein, sondern löste auch bei den geladenen Künstlern reichlich Bezugnahme aus. Während des zweiwöchigen Abschluss-Spektakels, zu dem es Festivalkarten zu kaufen gab, bevölkerten fast mehr Künstler das Fridericianum als Besucher, zieht man alle kuratorischen, technischen und administrativen Mitarbeiter und deren Anhängsel ab.

Unter sich waren die Kuratoren indes nur auf dem Podium, als die von René Block initiierte Kuratorenwerkstatt – ein Projekt, das nie an die große Glocke gehangen wurde – vorstellt werden sollte. Die Gelegenheit wurde verpasst, auch wenn die Werkstatt-Teilnehmer interessante Statements abgaben. So zum Beispiel Tobias Berger mit der Äußerung „Das schlimmste, was der Kunst in den letzten Jahren passiert ist, ist Bilbao“ oder Solvej Helweg Ovesen mit der Beschreibung „Ich empfinde, dass ich als Kuratorin ein existentielles Problem habe, wenn ich kein Publikum habe“. Entgegen der Erwartungen, die ein Festival so mit sich bringt, strömte die Jugend nicht zu den abendlichen Veranstaltungen und tauchte nicht in Massen, sondern nur in Maßen auf. Auffällig viele junge Menschen kamen zu Ben Pattersons „The Three Operas und drei Lieder“ – die Kasseler Kunsthochschulstudenten kamen an diesem Abend jedoch nicht, um zuzusehen, sondern um an der Performance mitzuwirken. Durch die Studenten kamen Pattersons Opern-Variationen von „Carmen“, „Madame Butterfly“ und „Tristan und Isolde“ zur Aufführung.

Block, der seit 1998 die Kunsthalle leitete, blickte mit seinem Projekt „Fremd bin ich eingezogen“ zurück, indem er alles umkehrte, was einen laufenden Kunsthallen-Betrieb ausmacht. Für die letzten zwei Wochen strich er die Ruhetage, von denen die Kunsthalle in den letzten Jahren zwei pro Woche besaß, und verschob die Öffnungszeit auf 18.00 – 23.00 Uhr. Und der Besucher bekam für einen fast symbolischen Eintrittspreis viel geboten, bei der Veranstaltung „Jeder Mensch ein Koch“ sogar etwas zu essen und im so genannten Nebenschauplatz täglich neue Videos zu sehen. Aus dem wechselnden Video-Programm hoben sich Judith Hopf und Deborah Schamonis „Hospital Bone Dance“ sowie Adel Abidins „Void“ besonders hervor. Der Darsteller aus Abidins Videos, Roi Vaara, beide stellten jeweils beim diesjährigen Oktober-Salon in Belgrad aus, kam zu einer eigenen Performance in die Kunsthalle und schrieb mit schwarzer Farbe und in Windeseile zu einer Spirale angeordnete Worte auf den Boden, um diese dann ebenso schnell durch humorvolle Entsprechungen zu ersetzen. Auf den 47. Oktober-Salon, den René Block unter dem Titel „Art, Life & Confusion“ mit Barbara Heinrich in diesem Jahr kuratiert hatte, nahm die von Stanislav Tomic vorgestellte Dokumentation „Confusion, Life & Art“ unmittelbar Bezug. Der unterhaltsame Dokumentarfilm stellte ein Highlight unter den Abendveranstaltungen dar und faszinierte, weil er eigentlich langweilige Vorgänge wie das Bewachen der Ausstellungsräume oder deren technische Vorbereitung zu einem geistreichen Einblick in die Welt des Ausstellungsmachens entwickelte.

Mit dem der Musik entlehnten Ausstellungstitel bekannte sich Block nicht nur als Musikliebhaber, sondern bewies durch die Wahl der eingeladenen Musiker auch seine langjährige Expertise auf einem Gebiet, das er bereits während er das Berliner Künstlerprogramm des DAAD betreute oder für das Institut für Auslandsbeziehungen tätig war, betreten hatte. Für Blocks langjähriges Verfolgen der Musikszene mit einem gleichzeitigen Scharfblick für avantgardistische Ströme steht das Konzert und Gespräch mit Christina Kubisch ebenso wie das „Minimal Music Konzert“ des Ensemble in Process unter der Leitung von Ulli Götte. Auch die Präsentation der Filme des leider verhinderten Carles Santos ist hier unbedingt zu nennen. Schließlich auch Hans Zenders Version der Winterreise, die Block während eines Gesprächs mit Gertrude Betz anspielte, um dann von John Neumeiers szenischer Umsetzung der Zenderschen Winterreise zu schwärmen. Neumeier, der das Ballett in Hamburg inszenierte, spricht Block zweifelsohne aus dem Herz, wenn er schreibt: „Schuberts Liederzyklus ist nicht romantisch, ‚it’s modern and it’s very present’.“

In seiner kurzen Abschieds-Rede betonte Block, dass es für ihn und seine Mitarbeiter eine Freude gewesen sei, endlich einmal gleichzeitig mit dem Publikum in einer Ausstellung zu sein und nicht in den Büros zu sitzen, während die Besucher durch die Kunsthalle gingen. Zuletzt also einige leicht melancholische Worte und beim Publikum die Ahnung, dass nun tatsächlich eine Ära zu Ende geht. Verstärkt durch die der Rede vorangegangene Aktion von Henning Christiansen und Bjørn Nørgaard, die sich dem Aufzählen toter Künstler widmete und in der in Fluxus-Manier ein Cello und mehrere Geigen zertrümmert wurden, um sie zu einem mit Rosen und Totenköpfen dekoriertem Gips-Kuchen zu verformen. Verstärkt auch durch die Tatsache, dass am nächsten und übernächsten und auch am darauf folgenden Tag die Kunsthalle geschlossen sein wird, an deren Besuch sich der ein oder andere während des Festivals gewöhnte.

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