{"id":714,"date":"2006-11-28T04:52:06","date_gmt":"2006-11-28T03:52:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/?p=714"},"modified":"2006-11-28T05:22:34","modified_gmt":"2006-11-28T04:22:34","slug":"die-festivalisierung-des-auszugs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/?p=714","title":{"rendered":"Die Festivalisierung des Auszugs"},"content":{"rendered":"<p>\u201eFremd bin ich eingezogen\u201c lautete der Titel des letzten Ausstellungsprojekts, das Ren\u00e9 Block als Leiter der Kunsthalle <a href=\"http:\/\/www.fridericianum-kassel.de\/\">Fridericianum<\/a> f\u00fcr Kassels auch au\u00dferhalb der documenta funktionierende Adresse der zeitgen\u00f6ssischen Kunst kuratierte. F\u00fcr seine am Totensonntag endende Schau entlieh der Kurator Schuberts Winterreise eine Zeile und lud damit nicht nur den Betrachter zum spielerischen Interpretieren der aus der Feder von Wilhelm M\u00fcller stammenden Phrase ein, sondern l\u00f6ste auch bei den geladenen K\u00fcnstlern reichlich Bezugnahme aus. W\u00e4hrend des zweiw\u00f6chigen Abschluss-Spektakels, zu dem es Festivalkarten zu kaufen gab, bev\u00f6lkerten fast mehr K\u00fcnstler das Fridericianum als Besucher, zieht man alle kuratorischen, technischen und administrativen Mitarbeiter und deren Anh\u00e4ngsel ab.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nUnter sich waren die Kuratoren indes nur auf dem Podium, als die von Ren\u00e9 Block initiierte Kuratorenwerkstatt \u2013 ein Projekt, das nie an die gro\u00dfe Glocke gehangen wurde \u2013 vorstellt werden sollte. Die Gelegenheit wurde <a href=\"http:\/\/www.hna.de\/kulturstart\/00_20061124140002_Bilanz_der_Pioniere.html\">verpasst<\/a>, auch wenn die Werkstatt-Teilnehmer interessante Statements abgaben. So zum Beispiel Tobias Berger mit der \u00c4u\u00dferung \u201eDas schlimmste, was der Kunst in den letzten Jahren passiert ist, ist Bilbao\u201c oder Solvej Helweg Ovesen mit der Beschreibung \u201eIch empfinde, dass ich als Kuratorin ein existentielles Problem habe, wenn ich kein Publikum habe\u201c. Entgegen der Erwartungen, die ein Festival so mit sich bringt, str\u00f6mte die Jugend nicht zu den abendlichen Veranstaltungen und tauchte nicht in Massen, sondern nur in Ma\u00dfen auf. Auff\u00e4llig viele junge Menschen kamen zu Ben Pattersons \u201eThe Three Operas und drei Lieder\u201c \u2013 die Kasseler Kunsthochschulstudenten kamen an diesem Abend jedoch nicht, um zuzusehen, sondern um an der Performance mitzuwirken. Durch die Studenten kamen Pattersons Opern-Variationen von \u201eCarmen\u201c, \u201eMadame Butterfly\u201c und \u201eTristan und Isolde\u201c zur Auff\u00fchrung.<\/p>\n<p>Block, der seit 1998 die Kunsthalle leitete, blickte mit seinem Projekt \u201eFremd bin ich eingezogen\u201c zur\u00fcck, indem er alles umkehrte, was einen laufenden Kunsthallen-Betrieb ausmacht. F\u00fcr die letzten zwei Wochen strich er die Ruhetage, von denen die Kunsthalle in den letzten Jahren zwei pro Woche besa\u00df, und verschob die \u00d6ffnungszeit auf 18.00 \u2013 23.00 Uhr. Und der Besucher bekam f\u00fcr einen fast symbolischen Eintrittspreis viel geboten, bei der Veranstaltung \u201eJeder Mensch ein Koch\u201c sogar etwas zu essen und im so genannten Nebenschauplatz t\u00e4glich neue Videos zu sehen. Aus dem wechselnden Video-Programm hoben sich Judith Hopf und Deborah Schamonis <a href=\" http:\/\/www.secession.at\/art\/2006_hopf_d.html \">\u201eHospital Bone Dance\u201c<\/a> sowie Adel Abidins \u201eVoid\u201c besonders hervor. Der Darsteller aus Abidins Videos, Roi Vaara, beide stellten jeweils beim diesj\u00e4hrigen Oktober-Salon in Belgrad aus, kam zu einer eigenen Performance in die Kunsthalle und schrieb mit schwarzer Farbe und in Windeseile zu einer Spirale angeordnete Worte auf den Boden, um diese dann ebenso schnell durch humorvolle Entsprechungen zu ersetzen. Auf den <a href=\" http:\/\/www.oktobarskisalon.org\/\">47. Oktober-Salon<\/a>, den Ren\u00e9 Block unter dem Titel \u201eArt, Life &#038; Confusion\u201c mit Barbara Heinrich in diesem Jahr kuratiert hatte, nahm die von Stanislav Tomic vorgestellte Dokumentation <a href =\"http:\/\/www.varan.org.yu\/news\/47th-october-salon \">\u201eConfusion, Life &#038; Art\u201c<\/a> unmittelbar Bezug. Der unterhaltsame Dokumentarfilm stellte ein Highlight unter den Abendveranstaltungen dar und faszinierte, weil er eigentlich langweilige Vorg\u00e4nge wie das Bewachen der Ausstellungsr\u00e4ume oder deren technische Vorbereitung zu einem geistreichen Einblick in die Welt des Ausstellungsmachens entwickelte.<\/p>\n<p>Mit dem der Musik entlehnten Ausstellungstitel bekannte sich Block nicht nur als Musikliebhaber, sondern bewies durch die Wahl der eingeladenen Musiker auch seine langj\u00e4hrige Expertise auf einem Gebiet, das er bereits w\u00e4hrend er das <a href=\" http:\/\/www.daad-berlin.de\/deutsch\/kp\/index.html\">Berliner K\u00fcnstlerprogramm des DAAD<\/a> betreute oder f\u00fcr das <a href=\" http:\/\/cms.ifa.de\/ausstellungen\/\">Institut f\u00fcr Auslandsbeziehungen<\/a> t\u00e4tig war, betreten hatte. F\u00fcr Blocks langj\u00e4hriges Verfolgen der Musikszene mit einem gleichzeitigen Scharfblick f\u00fcr avantgardistische Str\u00f6me steht das Konzert und Gespr\u00e4ch mit <a href=\" http:\/\/www.christinakubisch.de\/ \">Christina Kubisch<\/a> ebenso wie das \u201eMinimal Music Konzert\u201c des <a href=\"http:\/\/www.minimal-music.com\/gruppe\/homepage.htm\">Ensemble in Process<\/a> unter der Leitung von Ulli G\u00f6tte. Auch die Pr\u00e4sentation der Filme des leider verhinderten <a href=\" http:\/\/www.carles-santos.com\/\">Carles Santos<\/a> ist hier unbedingt zu nennen. Schlie\u00dflich auch Hans Zenders Version der Winterreise, die Block w\u00e4hrend eines Gespr\u00e4chs mit Gertrude Betz anspielte, um dann von John Neumeiers szenischer Umsetzung der Zenderschen Winterreise zu schw\u00e4rmen. Neumeier, der das <a href=\" http:\/\/www.hamburgballett.de\/d\/rep.htm \">Ballett in Hamburg<\/a> inszenierte, spricht Block zweifelsohne aus dem Herz, wenn er schreibt: \u201eSchuberts Liederzyklus ist nicht romantisch, \u201ait&#8217;s modern and it&#8217;s very present\u2019.\u201c<\/p>\n<p>In seiner kurzen Abschieds-Rede betonte Block, dass es f\u00fcr ihn und seine Mitarbeiter eine Freude gewesen sei, endlich einmal gleichzeitig mit dem Publikum in einer Ausstellung zu sein und nicht in den B\u00fcros zu sitzen, w\u00e4hrend die Besucher durch die Kunsthalle gingen. Zuletzt also einige leicht melancholische Worte und beim Publikum die Ahnung, dass nun tats\u00e4chlich eine \u00c4ra zu Ende geht. Verst\u00e4rkt durch die der Rede vorangegangene Aktion von Henning Christiansen und <a href=\" http:\/\/www.bjoernnoergaard.dk\/\">Bj\u00f8rn N\u00f8rgaard<\/a>, die sich dem Aufz\u00e4hlen toter K\u00fcnstler widmete und in der in Fluxus-Manier ein Cello und mehrere Geigen zertr\u00fcmmert wurden, um sie zu einem mit Rosen und Totenk\u00f6pfen dekoriertem Gips-Kuchen zu verformen. Verst\u00e4rkt auch durch die Tatsache, dass am n\u00e4chsten und \u00fcbern\u00e4chsten und auch am darauf folgenden Tag die Kunsthalle geschlossen sein wird, an deren Besuch sich der ein oder andere w\u00e4hrend des Festivals gew\u00f6hnte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eFremd bin ich eingezogen\u201c lautete der Titel des letzten Ausstellungsprojekts, das Ren\u00e9 Block als Leiter der Kunsthalle Fridericianum f\u00fcr Kassels auch au\u00dferhalb der documenta funktionierende Adresse der zeitgen\u00f6ssischen Kunst kuratierte. 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