{"id":3176,"date":"2009-04-30T01:04:41","date_gmt":"2009-04-29T23:04:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/?p=3176"},"modified":"2009-04-30T01:04:41","modified_gmt":"2009-04-29T23:04:41","slug":"allgemeine-bemerkungen-und-vorschriften-uber-den-umgang-mit-menschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/?p=3176","title":{"rendered":"Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften \u00fcber den Umgang mit Menschen"},"content":{"rendered":"<p><em>Erstes Kapitel<\/em><\/p>\n<p>Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als wozu er sich selbst macht. Das ist ein goldener Spruch, ein reiches Thema zu einem Folianten \u00fcber den esprit de conduite und \u00fcber die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen; ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter gest\u00fctzt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abenteurer und Gro\u00dfsprecher, sich bei dem Haufen f\u00fcr einen Mann von Wichtigkeit auszugeben, von seinen Verbindungen mit F\u00fcrsten und Staatsm\u00e4nnern, mit M\u00e4nnern, welche nicht einmal von seiner Existenz wissen, in einem Tone zu reden, der ihm, wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit und den Zutritt in den ersten H\u00e4usern erwirbt. Ich habe einen Menschen gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit dem Kaiser Joseph und dem F\u00fcrsten Kaunitz redete, obgleich ich ganz gewi\u00df wu\u00dfte, da\u00df diese ihn kaum dem Namen nach, und zwar als einen unruhigen Kopf und Pasquillanten kannten. Indessen hatte er hierdurch, da niemand genauer nachfragte, sich auf eine kurze Zeit in ein solches Ansehn gesetzt, da\u00df Leute, die bei des Kaisers Majest\u00e4t etwas zu suchen hatten, sich an ihn wendeten. Dann schrieb er auf so unversch\u00e4mte Art an irgendeinen Gro\u00dfen in Wien und sprach in diesem Briefe von seinen \u00fcbrigen vornehmen Freunden daselbst, da\u00df er zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch manche h\u00f6fliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter wucherte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Diese Erfahrung macht den frechen Halbgelehrten so dreist, \u00fcber Dinge zu entscheiden, wovon er nicht fr\u00fcher als eine Stunde vorher das erste Wort gelesen oder geh\u00f6rt hat, aber so zu entscheiden, da\u00df selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu widersprechen, noch Fragen zu tun, die des Schw\u00e4tzers Fahrzeug aufs Trockene werfen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung ist es, durch welche der empordringende Dummkopf sich zu den ersten Stellen im Staat hinaufarbeitet, die verdienstvollsten M\u00e4nner zu Boden tritt und niemand findet, der ihn in seine Schranken zur\u00fcckwiese.<\/p>\n<p>Sie ist es, durch welche sich die unbrauchbarsten, schiefsten Genies, Menschen ohne Talent und Kenntnisse, Plusmacher und Windbeutel bei den Gro\u00dfen der Erde unentbehrlich zu machen verstehen.<\/p>\n<p>Sie ist es, die gr\u00f6\u00dftenteils den Ruf von Gelehrten, Musikern und Malern bestimmt.<\/p>\n<p>Auf diese Erfahrung gest\u00fctzt, fordert der fremde K\u00fcnstler f\u00fcr ein St\u00fcck hundert Louisdor, das der einheimische, zehnfach besser gearbeitet, um f\u00fcnfzig Taler verkaufen w\u00fcrde; allein man rei\u00dft sich um des Ausl\u00e4nders Werke; er kann nicht so viel fertig machen, als von ihm gefordert wird, und am Ende l\u00e4\u00dft er bei dem Einheimischen arbeiten und verkauft das f\u00fcr ultramontanische Ware.<\/p>\n<p>Auf diese Erfahrung gest\u00fctzt, erschleicht sich der Schriftsteller eine vorteilhafte Rezension, wenn er in der Vorrede zu dem zweiten Teile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte, deren Freundschaft er sich r\u00fchmt, den ersten Teil beehrt haben.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottierer, der Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Mut, das Anlehn in solchen Ausdr\u00fccken zu fordern, da\u00df der reiche Wucherer es f\u00fcr Ehre h\u00e4lt, sich von ihm betr\u00fcgen zu lassen.<\/p>\n<p>Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Bef\u00f6rderung, die in diesem Tone vorgetragen werden, finden Eingang und werden nicht abgeschlagen, dahingegen Verachtung, Zur\u00fccksetzung und nicht erf\u00fcllte billige W\u00fcnsche fast immer der Preis des bescheidenen, furchtsamen Klienten sind.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung lehrt den Diener, sich bei seinem Herrn, und den, welcher Wohltaten empfangen, sich bei dem Wohlt\u00e4ter so wichtig zu machen, da\u00df der, so die Verbindlichkeit auflegt, es f\u00fcr ein gro\u00dfes Gl\u00fcck rechnet, einem solchen Manne anzugeh\u00f6ren. &#8211; Kurz! der Satz: da\u00df jedermann nicht mehr und nicht weniger gelte, als wozu er sich selbst macht, ist die gro\u00dfe Panacee f\u00fcr Aventuriers, Prahler, Windbeutel und seichte K\u00f6pfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe &#8211; ich gebe also keinen Kirschkern f\u00fcr dieses Universalmittel. &#8211; Doch still! sollte denn jener Satz uns gar nichts wert sein? Ja, meine Freunde! Er kann uns lehren, nie ohne Not und Beruf unsre \u00f6konomischen, physikalischen, moralischen und intellektuellen Schw\u00e4chen aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niedertr\u00e4chtigen L\u00fcgen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit verabs\u00e4umen, sich von seinen vorteilhaften Seiten zu zeigen.<\/p>\n<p>Dies mu\u00df aber nicht auf eine grobe, gar zu merkliche, eitle und auffallende Weise geschehn, denn sonst verlieren wir viel mehr dadurch; sondern man mu\u00df die Menschen nur mutma\u00dfen, sie von selbst darauf kommen lassen, da\u00df doch wohl etwas mehr hinter uns stecke, als bei dem ersten Anblicke hervorschimmert. H\u00e4ngt man ein gar zu gl\u00e4nzendes Schild aus, so erweckt man dadurch die genauere Aufmerksamkeit; andre sp\u00fcren den kleinen Fehlern nach, von denen kein Erdensohn frei ist, und so ist es auf einmal um unsern Glanz geschehn. Zeige Dich also mit einem gewissen bescheidenen Bewu\u00dftsein innerer W\u00fcrde, und vor allen Dingen mit dem auf Deiner Stirne strahlenden Bewu\u00dftsein der Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft und Kenntnisse, wo Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid zu erregen und Forderungen anzuk\u00fcndigen, nicht so wenig, um \u00fcbersehn und \u00fcberschrien zu werden! Mache Dich rar, ohne da\u00df man Dich weder f\u00fcr einen Sonderling, noch f\u00fcr scheu, noch f\u00fcr hochm\u00fctig halte!<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/?id=5&#038;xid=1491&#038;kapitel=6&#038;cHash=f35075d8c0umg1101#gb_found\">Adolph Freiherr von Knigge<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstes Kapitel Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als wozu er sich selbst macht. Das ist ein goldener Spruch, ein reiches Thema zu einem Folianten \u00fcber den esprit de conduite und \u00fcber die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen; ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter gest\u00fctzt ist. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-3176","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3176","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3176"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3176\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3177,"href":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3176\/revisions\/3177"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}