{"id":2327,"date":"2009-01-17T13:34:07","date_gmt":"2009-01-17T12:34:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/?p=2327"},"modified":"2009-01-17T13:34:07","modified_gmt":"2009-01-17T12:34:07","slug":"berlin-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.bewegteflaeche.de\/?p=2327","title":{"rendered":"berlin"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin meinem Bruder Johann begegnet, und zwar im dichtesten Menschengewimmel. Unser Wiedersehen hat sich sehr freundlich gestaltet. Es war ungezwungen und herzlich. Johann hat sich sehr nett benommen, und ich wahrscheinlich mich auch. Wir sind in ein kleines, verschwiegenes Restaurant getreten und haben dort geplaudert. \u00bbBleib&#8216; nur der, der du bist, Bruder,\u00ab sprach Johann zu mir, \u00bbfange von tief unten an, das ist ausgezeichnet. Solltest du Hilfe brauchen \u2013 \u2013\u00ab Ich machte eine leichte, verneinende Handbewegung. Er fuhr fort: \u00bbDenn sieh&#8216;, oben, da lohnt es sich kaum noch zu leben. Sozusagen n\u00e4mlich. Versteh&#8216; mich recht, lieber Bruder.\u00ab \u2013 Ich nickte lebhaft, denn es leuchtete mir schon zum voraus ein, was er mir sagte, aber ich bat ihn, weiterzureden, und er sprach: \u00bbOben, da herrscht solch eine Luft. Nun, es herrscht eben eine Atmosph\u00e4re des Genuggetanhabens, und das hemmt und engt ein. Ich hoffe, du verstehst mich nicht ganz, denn wenn du mich verst\u00fcndest, Bruder, dann w\u00e4rest du ja eigentlich gr\u00e4\u00dflich.\u00ab \u2013 Wir lachten. O, mit einem Bruder zusammen lachen [79] zu k\u00f6nnen, das ist sehr h\u00fcbsch. Er sagte: \u00bbDu bist jetzt sozusagen eine Null, bester Bruder. Aber wenn man jung ist, soll man auch eine Null sein, denn nichts ist so verderblich wie das fr\u00fche, das allzufr\u00fche Irgendetwasbedeuten. Gewi\u00df: dir bedeutest du etwas. Bravo. Vortrefflich. Aber der Welt bist du noch nichts, und das ist fast ebenso vortrefflich. Immer hoffe ich, du verstehst mich nicht ganz, denn wenn du mich vollkommen verst\u00fcndest \u2013 \u2013\u00ab \u00bbW\u00e4re ich ja gr\u00e4\u00dflich,\u00ab fiel ich ihm ins Wort. Wir lachten von neuem. Es war sehr lustig. Ein merkw\u00fcrdiges Feuer fing an, mich zu beseelen. Meine Augen brannten. Das liebe ich \u00fcbrigens sehr, wenn&#8217;s mir so verbrannt zumut ist. Mein Kopf ist dann ganz rot. Und Gedanken voll Reinheit und Hoheit pflegen mich dann zu best\u00fcrmen. Johann fuhr fort, er sagte folgendes: \u00bbBruder, bitte, unterbrich mich nicht immer. Dein dummes junges Gel\u00e4chter hat etwas Ideenerstickendes. H\u00f6re. Pa\u00df gut auf. Was ich dir sage, kann dir vielleicht eines Tages von Nutzen sein. Vor allen Dingen: komme dir nie versto\u00dfen vor. Versto\u00dfen, Bruder, das gibt es gar nicht, denn es gibt vielleicht auf dieser Welt gar, gar nichts redlich Erstrebenswertes. Und doch sollst du streben, leidenschaftlich sogar. Aber damit du nie allzu sehns\u00fcchtig bist: pr\u00e4ge dir ein: nichts, nichts Erstrebenswertes gibt es. Es ist [80] alles faul. Verstehst du das? Sieh&#8216;, ich hoffe immer, du k\u00f6nntest das alles nicht so recht verstehen. Ich mache mir Sorgen.\u00ab \u2013 Ich sagte: \u00bbLeider bin ich zu intelligent, um dich, wie du hoffst, mi\u00dfverstehen zu k\u00f6nnen. Aber sei ohne Sorgen. Du erschreckst mich durchaus nicht mit deinen Enth\u00fcllungen.\u00ab \u2013 Wir l\u00e4chelten uns an. Dann bestellten wir uns Neues zu trinken, und Johann, der \u00fcbrigens sehr elegant aussah, fuhr fort zu sprechen: \u00bbEs gibt ja allerdings einen sogenannten Fortschritt auf Erden, aber das ist nur eine der vielen L\u00fcgen, die die Gesch\u00e4ftemacher ausstreuen, damit sie um so frecher und schonungsloser Geld aus der Menge herauspressen k\u00f6nnen. Die Masse, das ist der Sklave von heute, und der Einzelne ist der Sklave des gro\u00dfartigen Massengedankens. Es gibt nichts Sch\u00f6nes und Vortreffliches mehr. Du mu\u00dft dir das Sch\u00f6ne und Gute und Rechtschaffene tr\u00e4umen. Sage mir, verstehst du zu tr\u00e4umen?\u00ab \u2013 Ich begn\u00fcgte mich, mit dem Kopf zweimal zu nicken und lie\u00df Johann, indem ich gespannt aufhorchte, fortreden: \u00bbVersuche es, fertig zu kriegen, viel, viel Geld zu erwerben. Am Geld ist noch nichts verpfuscht, sonst an allem. Alles, alles ist verdorben, halbiert, der Zier und der Pracht beraubt. Unsere St\u00e4dte verschwinden unaufhaltsam vom Erdboden. Kl\u00f6tze nehmen den Raum ein, den Wohnh\u00e4user und [81] F\u00fcrstenpal\u00e4ste eingenommen haben. Das Klavier, lieber Bruder, und das damit verbundene Klimpern! Konzert und Theater fallen von Stufe zu Stufe, auf einen immer tieferen Standpunkt. Es gibt ja allerdings noch so etwas wie eine tonangebende Gesellschaft, aber sie hat nicht mehr die F\u00e4higkeit, T\u00f6ne der W\u00fcrde und des Feinsinnes anzuschlagen. Es gibt B\u00fccher \u2013 \u2013 mit einem Wort, sei niemals verzagt. Bleib arm und verachtet, lieber Freund. Auch den Geld-Gedanken schlage dir weg. Es ist das Sch\u00f6nste und Triumphierendste, man ist ein ganz armer Teufel. Die Reichen, Jakob, sind sehr unzufrieden und ungl\u00fccklich. Die reichen Leute von heutzutage: sie haben nichts mehr. Das sind die wahren Verhungerten.\u00ab \u2013 Ich nickte wieder. Es ist wahr, ich sage sehr leicht ja zu allem. \u00dcbrigens gefiel mir und pa\u00dfte mir, was Johann sagte. Es war Stolz in dem, was er sprach, und Trauer. Nun, und dies beides, Stolz und Trauer, ergibt immer einen guten Klang. Wieder bestellten wir Bier, und mein Gegen\u00fcber sagte: \u00bbDu mu\u00dft hoffen und doch nichts hoffen. Schau empor an etwas, ja gewi\u00df, denn das ziemt dir, du bist jung, unversch\u00e4mt jung, Jakob, aber, gesteh&#8216; dir immer, da\u00df du&#8217;s verachtest, das, an dem du respektvoll emporschaust. Du nickst schon wieder? Teufel, was bist du f\u00fcr ein verst\u00e4ndnisvoller Zuh\u00f6rer. Du bist [82] geradezu ein Baum, der voll Verst\u00e4ndnis behangen ist. Sei zufrieden, lieber Bruder, strebe, lerne, tu wom\u00f6glich irgend jemandem etwas Liebes und Gutes. Komm&#8216;, ich mu\u00df gehen. Sag&#8216;, wann treffen wir uns wieder? Du interessierst mich, offen gesagt.\u00ab \u2013 Wir gingen, und drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe nahmen wir Abschied voneinander. Lange schaute ich meinem lieben Bruder nach. Ja, er ist mein Bruder. Wie freut mich das. <\/p>\n<p>project gutenberg.com(nicht:de!), r.walser, jacob von gunten, online<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin meinem Bruder Johann begegnet, und zwar im dichtesten Menschengewimmel. Unser Wiedersehen hat sich sehr freundlich gestaltet. Es war ungezwungen und herzlich. Johann hat sich sehr nett benommen, und ich wahrscheinlich mich auch. 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